3. Juli 2007

Brief an einen Bankangestellten

Hallo Herr Stoffel

In ihrer letzten Mail haben sie ein paar Gedanken zum dem Thema "Helfen" geäußert, und sich gefragt, weshalb in einem boomenden Land wie Indien (es boomt übrigens nur für etwa 200 Millionen Menschen, während es den anderen 800-900 Millionen dafür um so schlechter geht) solche Not noch zugelassen wird, und ob solche Hilfseinsätze vielleicht nicht einmal ein Tropfen auf den heißen Stein sind. Lassen sie mich kurz auf diese Gedanken eingehen. Natürlich ist die Situation komplex, doch stark vereinfacht könnte man folgendes sagen:

Die Indusriestaten beziehen große Mengen von Rohstoffen und Gütern aus armen Ländern wie Indien. Stellen sie sich einmal vor, was würde geschehen wenn ein Mienenarbeiter, Kakaobauer, Baumwollproduzent etc. in Südamerika, Afrika oder Indien, anstelle der 2-3 kärglichen Dollar pro Tag, einen entsprechend guten Lohn für seine Schwerstarbeit bekommen würde? Nun, die Industrienationen könnten dann nicht mehr dermaßen billige Güter beziehen, was wiederum den gesamten Wirtschaftsmotor drosseln würde. Daher ist es für die Industrienationen äußerst wichtig, dass 1. so genannte korrupte Staatspräsidenten in den jeweiligen Ländern positioniert sind (die dann ihr Land willig mit Staatsverschuldungen für unsere Interessen ausverkaufen), und dass 2. mit dem Wettkampf der "Freien Marktwirtschaft" ein erbarmungsloses Preisdumping mit Billigst-Löhnen erpresst wird. So werden die produzierenden Bauern und Kleinbetrieben nicht nur miserabel entlöhnt, sonder geraten oft auch noch in eine weitere Schuldenspirale – so dass sich die Ausbeutung und Unterdrückung, von ganz Oben bis ganz Unten, fortsetzen muss.

Doch uns soll’s recht sein, wenn chinesische oder indische Arbeiter kaum etwas verdienen, keine Sozialleistungen haben, und oft 7 Tage pro Woche im Sinne unserer Billigpreisbeschaffungspolitik uns in den 7 Himmel einer vollausgerüsteten Konsumgesellschaft hinaufbefördern – solange wir unsere Skiferien, unser Auto, eine schicke Wohnung, Mountain Bike, und tausend andere kleine Vorzüge haben, und dabei auch noch denken können, dass wir uns all diese Sachen redlich verdient haben. Ja, wir leben auf hohem Niveau, doch dementsprechend hoch ist auch der Preis für die Anderen. Armut ist daher äußerst lukrativ und tatsächlich beabsichtigt. Dass auch indische Staatsmänner in diesem System der Ausbeutung gerne mitprofitieren ist genauso selbstverständlich, wie dass die reiche Schweiz ihr Getreide, ihre Schokolade, etc...... und all die anderen abertausenden Güter einfach aus verarmten Ländern billigst beziehen kann – inklusive so einigen bedeutenden Summen, auf hübsch eingerichteten Zahlenkonten.

Früher drang man einfach in diese Länder ein, tötete oder versklavte Millionen und bereicherte sich daran. Wobei die daheim gebliebenen in Europa nicht etwa empört gewesen wären, sondern an dieser ganzen Bereicherung freudig mit profitierten. Heute ist es im Grunde genauso. Natürlich, wir morden nicht mehr ganze Völker mit Waffengewalt, doch die Anzahl der heutigen Wirtschaftsopfer dürfte vielleicht sogar noch höher sein. Auch heute kennen oder ahnen die meisten Menschen diese Zusammenhänge. Doch wen kümmert's, solange es uns dabei gut genug geht? Deshalb nochmals: Armut ist beabsichtigt.

So gesehen ist natürlich eine Arbeit wie ich sie mache nicht einmal ein Tropfen auf den heißen Stein. Ja, es ist nicht einmal eine Symptombehandlung, denn während wir einem Menschen mit knapper Not wieder auf die Beine helfen, sind schon wieder zwei Andere umgefallen. Die Frage ist also nicht was wir den Armen geben können, sonder wann wir endlich aufhören, ihnen alles wegzunehmen.

Tatsächlich geht es beim Thema Entwicklungshilfe auch um uns selber. Denn solange wir uns an solchen Missständen bereichern, mögen wir zwar äußerlich gesehen die Gewinner sein, doch was unsere inneren Qualitäten wie Mitgefühl, Ehrlichkeit und Authentizität angeht, sicherlich die Verlierer sein. Und wir spüren es ja, dass etwas mit der Welt, bzw. mit uns selber, nicht stimmt. Wir haben dadurch auch, in ehrlichen Momenten, ein etwas schlechtes Gewissen. Doch lieber ein schlechtes Gewissen als gar keines, wobei aber ein reines Gewissen sicherlich das Beste wäre. Denn dann würden wir wieder von innen her aufblühen können und Anteil an einem erfüllenderem Leben haben können.

Ja, äußerlich gesehen ist ein Einsatz wie ich ihn hier mache nicht einmal der Rede wert. Doch wenn solch eine Arbeit auch unsere eigene Fähigkeit zur Selbstlosigkeit, Wahrhaftigkeit und Liebe kräftigt, dann ist solch eine Arbeit eine ganz besondere Chance, und bekommt dadurch auch einen besonderen Wert. Daher geht es mir im Austausch mit Menschen nicht einfach darum, dass sie vielleicht eine Spende geben könnten, sondern, dass auch sie durch ihr Mitmachen selber mitwachsen können. Ja, ich denke die Zeit wird immer wie dringlicher, um aufzustehen und kühn Profil zu zeigen. Unsere globalen Warnsirenen signalisieren schon seit längerer Zeit, dass ein Umdenken nicht nur wichtig, sondern überlebenswichtig ist. Nicht nur im Sinne des Klimawandels, sonder eben auch wirtschaftlich, politisch und human!

Was denken Sie?

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