6. Juli 2007

Indienbericht 1

14 Millionen Einwohner leben zur Zeit in Delhi, und täglich kommen zehntausende Neue hinzu. Die meisten von ihnen stammen aus den sehr verarmten, ländlichen Gebieten Indiens, wo sie als Bauern, Handarbeiter oder im Dienstleistungssektor für ein kärgliches Geld hart gearbeitet haben. Bis eines Tages irgend eine Krankheit, oder der erhöhte Ölpreis oder eine besonders schlechte Ernte ihr ohnehin karges Einkommen zum Umkippen brachte, und das notwendige Geld für das Überleben der Familie plötzlich nicht mehr aufgebracht werden konnte. Keine Krankenkasse oder Altersfürsorge, noch das Sozialamt oder Altersheim, hilft da aus. Schlicht und einfach weil es dies alles wegen der zu großen und allgemeinen Armut gar nicht gibt. Daher können wir uns solche Notlagen kaum vorstellen, und begreifen oft nicht, dass diese Menschen tatsächlich Hilfe brauchen, -- ja, manchmal sogar unsere Hilfe.

Menschen in großer Not sind wir alle schon begegnet, denn die gibt es ja überall. Natürlich, auf den ersten Blick ist es oft schwierig einzuschätzen, ob oder wie nun geholfen werden soll. Doch je mehr wir uns mit den Hintergründen und der Geschichte der Not unserer Mitmenschen auseinandersetzen, desto klarere Antworten werden wir auch in unseren Herzen finden. Und dies ist eben gerade das wunderbare am Helfen: es gibt uns eine besondere Gelegenheit unsere eigenen Herzen auf ein Neues zu durchforschen...


So kommt es, dass fast allen Menschen, die wir auf Patrouillenfahrt durch Delhis Armenviertel finden, eine leidvolle Geschichte vorangeht. Ja, dass der Moment in dem wir sie irgendwo auf einem Gehsteig oder unter einer verdreckten Brücke auflesen, ihr „Höhepunkt“ einer langen Geschichte von Krankheit, Leid, Einsamkeit und Verzweiflung ist. Oft finden wir Menschen die dieser Bezeichnung „Mensch“ kaum noch entsprechen. Vor lauter Schmerzen in einen halbbewussten Dauerzustand entrückt, oder aus lauter Verzweiflung einfach verrückt geworden; oder eben beides zusammen, inklusive ziemlich argen und unbehandelten Wunden und Infektionen......

Ich schreibe diese krassen Beschreibungen nicht aus Sensationslust, sondern schlicht und einfach weil es die Wahrheit ist. Die große Frage hier ist nun: Was machen?... einfach wegschauen, und möglichst für den eigenen Komfort und das eigene Wohlbefinden Sorge tragen; oder sich auch für andere Menschen in Not einsetzen? Eine Frage, die auch ich mir täglich immer wieder stellen muss. Den zwischen einem Leben des puren Selbstzweckes und einem Leben im Sinne der vollkommenen Nächstenliebe, gibt es viele Zwischenstufen, die auch immer wieder auf ein Neues geprüft werden möchten — um tatsächlich einen inneren Prozess, des aus sich Herauswachsens, erfahren zu können.

Und da stehen wir nun, vor einem am Boden liegenden, verzweifelten und kranken Menschen. Rund die Hälfte der Menschen die wir finden haben Tuberkulose. TB ist eine hoch ansteckende Krankheit die aufgrund eines geschwächten Immunsystems ausbricht. Sie wütet besonders unter den ärmsten der Armen, da diese wegen chronischer Mangelernährung oft ein zu schwaches Immunsystem haben. TB ist ein hartnäckiger Virus der viele Organe, besonders die Lungen, befallen kann. Monatelanges Fieber, Schmerzen und Appetitlosigkeit tun ihr übriges hinzu um den Körper total auszumergeln. So finden wir fast täglich erwachsene Menschen mit weniger als 30 Kilo (Man stelle sich das einmal vor!). Manchmal kommt jede Hilfe zu spät und sie sterben noch auf dem Weg ins Krankenhaus. Andere Male besteht Hoffnung und wir bringen sie in unsere 30 km von Delhi entfernte Rehabilitationsstation.

Eingebettet in einer ländlich Gegend liegt unsere etwa 2 Hektar große Anlage, auf der wir eine kleine Klinik mit den nötigsten Mitteln und Medikamenten haben. Wir können diese Hilfe nur aufgrund vielen kleinen Privatspenden aufrechterhalten, und müssen schauen, dass wir jeden Monat, so gut es eben geht, über die Runden kommen. Im Moment haben wir rund 130 Patienten. Vom 4 Monaten alten Waisen-Baby bis hin zum 90ig jährigen Alzheimer-Opa, inklusive einigen Kindern, Querschnitt Gelähmten und psychisch Kranken, ist hier so ziemlich alles vertreten. Einige sind nach verhältnismäßig kurzer Zeit wieder auf den eigenen Beinen und können neu gestärkt wieder losziehen. Die Tuberkulose Kranke hingegen, müssen für mindestens sechs Monate, einen ziemlich intensiven Medikamente Marathon überstehen, wobei aber etwa jeder Fünfte stirbt. Andere Patienten wären ohne einen Zufluchtsort wie diesen überhaupt nicht Lebensfähig, und können daher einfach hier bleiben....

Zur unserer täglichen Arbeit gehört auch die Koordination, Pflege und Betreuung all dieser Menschen. Genauso all die Fahrten ins nächstliegenden Dorf, um Medikamente und Material zur Wundbehandlung zu kaufen, und Röntgenaufnahmen und Bluttests zu machen. Fast täglich müssen die schwereren Fälle in die überfüllten Hospitäler von Delhi bringen, um dort, an vielen Warteschlangen vorbei, die Hilfe der Spezialisten zu erhalten. Auf dem Rückweg dann wieder eine Patrouillenfahrt durch die Slums Delhis, um wieder neue Patienten aufzulesen….

Das schwierigste an der ganzen Arbeit ist, dass wir nur 5 Personen sind die all dies zu machen haben. Natürlich haben wir auch ein paar Ex-Patienten, die mit allerlei einfachen Arbeiten kräftig aushelfen. Doch meist sind dies sehr einfache Menschen die von Arbeitsstrukturen und Tagesplänen kaum je etwas gehört haben. So gestaltet sich hier alles sehr spontan, ja, manchmal zu spontan. Dadurch geschehen auch fatale Fehler die eigentlich vermieden werden könnten – wenn wir mehr Personal und Mittel zur Verfügung hätten. Und gerade da inmitten dieser fast aussichtslosen Situation, ist mir eine Idee, oder besser gesagt ein interessanter Plan eingefallen, wie das Ganze hier ganz anders und effektiver angegangen werden könnte….!

Du bist natürlich auch herzlich Eingeladen, mir deine eigenen Anregungen oder Fragen mitzuteilen. Ja, ich bin mir sicher, dass wir in vieler Hinsicht gemeinsam etwas erlangen können, was für alle Beteiligte von Interesse sein könnte. Doch wie schon gesagt, weiteres im nächsten Schreiben — wenn du magst.

5. Juli 2007

Indienbericht 2

Wie ich in meinem letzten Brief schon beschrieben habe, kommen die meisten Menschen, die wir irgendwo an einem Strassengraben oder unter einer verdreckten Brücke finden, aus den verarmten und ländlichen Gebieten Indiens. Natürlich sind die Gründe dieser Völkernot sehr vielschichtig und nicht immer einfach durchschaubar. Doch je mehr wir die dahinter liegenden Zusammenhänge erkennen, desto offensichtlicher wird es, wie vor allem die reichen Großstädte mit ihrer listigen Wirtschaftspolitik die Güterpreise ganzer Regionen mit Niedrigstlöhnen drücken, und ganze Provinzen in die Schuldenfalle treiben. Manchmal so sehr, dass immer mehr Bauern und Handwerker vor lauter Verzweiflung Selbstmord begehen. (Selbst die Schweiz profitiert von dieser Billiglohn-Politik, denn auch sie bezieht über die Hälfte ihres gesamten Getreideverbrauches aus Indien – einem Land, in dem immerhin über 800 Millionen Menschen an Mangelernährung leiden!). In manchen Gebieten ist die Lage so prekär, dass ganze Dörfer bankrott gehen und zum Ausverkauf ausgeschrieben werden, samt allen Häusern, Gerätschaften und Vieh! Was bleibt dann den Familien anderes übrig als genau in diejenige Städten zu flüchten, die eigentlich für ihre Misere mitverantwortlich sind.

So kommt es, dass ganze Familien irgendwo unter einer Brücke einer Großstadt ihre zwei löchrigen Decken ausbreiten, um von dort aus, auf „Arbeitssuche“ zu gehen. Doch da geht die Ausbeutung mit „Billigstlöhnen“ erst recht los; wo dann in einer Hinterhoffabrik, oder als Schlepper auf einem Markt, bis zum Umfallen geschuftet wird, und ein ganzes Heer von Kinderarbeit herhalten muss. Stell dir das einmal vor: Eine ohnehin geschwächte Familie strandet irgendwo in einer Großstadt um dort noch vollends ausgebeutet zu werden. Bis eben das eine oder andere Familienmitglied krank, ja oft schwer krank wird. Und gerade solchen verzweifelten Familien begegnen wir, wenn wir mit unserer Ambulanz auf Patrouillenfahrt sind, und stehen dann vor ziemlich schwierigen Entscheidungen…

Was machen? Nur den kranken Vater oder das schwerkranke Kind mitnehmen, und den Zusammenhalt der Familie riskieren, oder eben die ganze Familie einladen? Ja, was tun?! Denn unsere 2 Hektare kleines Hilfscamp ist ohnehin schon mit Patienten überfüllt. Deshalb müssen wir manchmal auch etwas radikal Patienten entlassen. Denn wer wieder einigermaßen auf den eigenen Beinen stehen kann, muss eben Platz für neue Notfälle machen. Doch solche Menschen wieder in den urbanen Dschungel zurückzuschicken, kann und darf nicht die Lösung sein. Und gerade da kam mir die schon im letzten Brief erwähnte Idee, wie die ganze Situation hier anders angegangen werden könnte:

Unser Hilfscamp liegt etwa 30 km außerhalb von Delhi. Nahe genug der Stadt, um vor Ort, auf der Strasse oder in den Hospitälern, aktiv zu sein, und weit genug, um einen einigermaßen günstigen Bodenpreis zu bezahlen, und den Patienten ein erholsames Umfeld zur Regeneration bieten zu können. Doch was wäre, wenn wir noch weiter von der Stadt entfernt, ein um ein vielleicht 15faches günstigeres und somit größeres Stück Land erwerben könnten, und anstelle der bisherigen 2 Hektare, ca. 30 Hektare haben würden! Dann könnten wir nicht nur mehr Patienten aufnehmen, sondern einfach gleich mit ihnen ein neues Dorf gründen!

Weshalb auch nicht? Ein ganzes Hilfsdorf, in dem die verschiedenen Patienten in die für ein Dorf natürlichen Arbeitsvorgänge einbezogen werden, und ihren Einsatz gleich auch selbst behalten können, indem sie Beispielsweise ihr eigenes Häuschen bauen, und ihr eigenes Handwerk ausführen können. Dies würde nicht nur die Motivation sondern auch den ganzen Rehabilitierungs- und Genesungsprozess fördern, und gleichzeitig, durch die dadurch entstehende Selbsttragende Dynamik, für das Gesamtprojekt von großem Nutzen sein.

Ja, ich bin überzeugt dass die Kombination aus Fleiß, Bescheidenheit und Fairness ziemlich schnell kleine Wunder hervorbringen wird. Besonders wenn in solch einem Dorf auch noch die Möglichkeiten des ökologischen Anbaus, der Alternativenergie, Medizin etc. in einem ganzheitlichen Management mit einbezogen werden. Daraus kann ein sehr gelungener Mix aus Lebens- und Hilfsgemeinschaft entstehen, der einen durchaus sympathischen Charakter haben wird, und als interessantes Gegenmodel zur modernen, offensichtlich immer mehr kränkelnden Gesellschaft wirken könnte.

Die Idee wäre auch, dass wir unsere jetzige Camp-Klinik in eine kleine, etwa 20 Betten starke Notfallklinik umwandeln und nach Delhi auslagern würden, um dort, vor Ort, 24 Stunden präsent sein können. Dann würde uns nicht nur die täglichen, bis zu 2 Stunden dauernden Fahrten nach Delhi erspart bleiben, sondern auch unsere Arbeit mit den Hospitälern erleichtert werden. Eine Notfallklinik inmitten der Armenviertel würde sich auch schnell Rumsprechen, so dass Patienten nicht erst dann behandelt werden wenn es schon fast zu spät ist. All 1-2 Wochen könnten wir dann die schon weniger Lebensgefährdeten mit einer Sammelfahrt ins etwa 150 km entfernte neue Dorf bringen, wo sie dann weiter genesen könnten. Nicht nur physisch, sondern eben auch ganzheitlich – sowohl psychisch, wirtschaftlich als auch sozial.

Mit anderen Worten: stelle dir einmal solch eine sympathische Dorfszene förmlich vor; mit kleinen Parkanlagen in denen sich so einige Rollstuhlpatienten bewegen, mit einer einfachen Dorfklinik vor der die Ambulanz parkiert ist, mit kleinen Shops wo die einfachen Alltagsgegenstände gekauft werden können, mit einer eigenen kleinen Dorf-Bank in der jeder seine Mikro-Kredite erhalten und sein Geld hinterlegen kann, mit ein paar einfachen Windmühlen welche ein ebenso einfaches 12Volt Netz betreiben, mit einem kleinen Altersheim, mit verschiedenen Handwerken, wie zum Beispiel einer Töpferei, Weberei, Bäckerei, einem Gemüsemarkt, einer Schreinerei, etc., und mit einigen Feldern ums Dorf herum, welche von den vielen Farmern, die wir jetzt schon haben, bearbeitet werden.

Manpower hätten wir eigentlich genug, denn wir sind jetzt schon fast 200 Menschen. Alles was bis jetzt fehlt sind in paar zusätzliche Mitstreiter, etwas Startgeld und ein entsprechend gutes Stück Land, wo sich diese Power auch in etwas Nachhaltigem manifestieren kann. So könnten die entwurzelten Menschen wieder in ihr natürliches Element zurückgebracht werden.

Und wer weiß, ob nicht auch wir ein Stück weit von unserer Ursprünglichkeit verloren haben, und ob auch wir nicht vielleicht schon bald wieder in diese Richtung gehen müssen. Denn auch wir, rutschen auf immer dünnerem existenziellem Eis umher und leiden eigentlich schon lange an unserer denaturierten Weltlage. Warum also nicht auch weitere Schritte in diese Richtung gehen und sich vermehrt mit diesen Themen auseinander setzten? Wir könnten gewissermaßen anhand solch eines Models warm werden, um dadurch auch, in uns selber, diejenigen psychologischen Hürden zu meistern, die uns oft noch vor wirklicher Veränderung abschrecken lassen.

Hast du Ideen, Vorschläge, Fragen? Ja, lass uns zusammen in diese Richtung aktiv werden. Vieles kann gemacht werden: Infomaterial gesammelt, Pläne geschmiedet, Rundbriefe verfasst, Artikel geschrieben, Websites und Bilder entworfen, Kurzfilme gedreht, Nachforschungen gemacht, Veranstaltungen lanciert, Gelder gesammelt, ....... um nicht zuletzt auch dabei selber Mitzuwachsen, ja aus sich selber herauszuwachsen, und aktiv, gegen den schleichenden Wahn unserer Zeit, einen kleinen Streich zu spielen ......... ja, warum auch nicht?

Magst du mitmachen?

3. Juli 2007

Brief an einen Bankangestellten

Hallo Herr Stoffel

In ihrer letzten Mail haben sie ein paar Gedanken zum dem Thema "Helfen" geäußert, und sich gefragt, weshalb in einem boomenden Land wie Indien (es boomt übrigens nur für etwa 200 Millionen Menschen, während es den anderen 800-900 Millionen dafür um so schlechter geht) solche Not noch zugelassen wird, und ob solche Hilfseinsätze vielleicht nicht einmal ein Tropfen auf den heißen Stein sind. Lassen sie mich kurz auf diese Gedanken eingehen. Natürlich ist die Situation komplex, doch stark vereinfacht könnte man folgendes sagen:

Die Indusriestaten beziehen große Mengen von Rohstoffen und Gütern aus armen Ländern wie Indien. Stellen sie sich einmal vor, was würde geschehen wenn ein Mienenarbeiter, Kakaobauer, Baumwollproduzent etc. in Südamerika, Afrika oder Indien, anstelle der 2-3 kärglichen Dollar pro Tag, einen entsprechend guten Lohn für seine Schwerstarbeit bekommen würde? Nun, die Industrienationen könnten dann nicht mehr dermaßen billige Güter beziehen, was wiederum den gesamten Wirtschaftsmotor drosseln würde. Daher ist es für die Industrienationen äußerst wichtig, dass 1. so genannte korrupte Staatspräsidenten in den jeweiligen Ländern positioniert sind (die dann ihr Land willig mit Staatsverschuldungen für unsere Interessen ausverkaufen), und dass 2. mit dem Wettkampf der "Freien Marktwirtschaft" ein erbarmungsloses Preisdumping mit Billigst-Löhnen erpresst wird. So werden die produzierenden Bauern und Kleinbetrieben nicht nur miserabel entlöhnt, sonder geraten oft auch noch in eine weitere Schuldenspirale – so dass sich die Ausbeutung und Unterdrückung, von ganz Oben bis ganz Unten, fortsetzen muss.

Doch uns soll’s recht sein, wenn chinesische oder indische Arbeiter kaum etwas verdienen, keine Sozialleistungen haben, und oft 7 Tage pro Woche im Sinne unserer Billigpreisbeschaffungspolitik uns in den 7 Himmel einer vollausgerüsteten Konsumgesellschaft hinaufbefördern – solange wir unsere Skiferien, unser Auto, eine schicke Wohnung, Mountain Bike, und tausend andere kleine Vorzüge haben, und dabei auch noch denken können, dass wir uns all diese Sachen redlich verdient haben. Ja, wir leben auf hohem Niveau, doch dementsprechend hoch ist auch der Preis für die Anderen. Armut ist daher äußerst lukrativ und tatsächlich beabsichtigt. Dass auch indische Staatsmänner in diesem System der Ausbeutung gerne mitprofitieren ist genauso selbstverständlich, wie dass die reiche Schweiz ihr Getreide, ihre Schokolade, etc...... und all die anderen abertausenden Güter einfach aus verarmten Ländern billigst beziehen kann – inklusive so einigen bedeutenden Summen, auf hübsch eingerichteten Zahlenkonten.

Früher drang man einfach in diese Länder ein, tötete oder versklavte Millionen und bereicherte sich daran. Wobei die daheim gebliebenen in Europa nicht etwa empört gewesen wären, sondern an dieser ganzen Bereicherung freudig mit profitierten. Heute ist es im Grunde genauso. Natürlich, wir morden nicht mehr ganze Völker mit Waffengewalt, doch die Anzahl der heutigen Wirtschaftsopfer dürfte vielleicht sogar noch höher sein. Auch heute kennen oder ahnen die meisten Menschen diese Zusammenhänge. Doch wen kümmert's, solange es uns dabei gut genug geht? Deshalb nochmals: Armut ist beabsichtigt.

So gesehen ist natürlich eine Arbeit wie ich sie mache nicht einmal ein Tropfen auf den heißen Stein. Ja, es ist nicht einmal eine Symptombehandlung, denn während wir einem Menschen mit knapper Not wieder auf die Beine helfen, sind schon wieder zwei Andere umgefallen. Die Frage ist also nicht was wir den Armen geben können, sonder wann wir endlich aufhören, ihnen alles wegzunehmen.

Tatsächlich geht es beim Thema Entwicklungshilfe auch um uns selber. Denn solange wir uns an solchen Missständen bereichern, mögen wir zwar äußerlich gesehen die Gewinner sein, doch was unsere inneren Qualitäten wie Mitgefühl, Ehrlichkeit und Authentizität angeht, sicherlich die Verlierer sein. Und wir spüren es ja, dass etwas mit der Welt, bzw. mit uns selber, nicht stimmt. Wir haben dadurch auch, in ehrlichen Momenten, ein etwas schlechtes Gewissen. Doch lieber ein schlechtes Gewissen als gar keines, wobei aber ein reines Gewissen sicherlich das Beste wäre. Denn dann würden wir wieder von innen her aufblühen können und Anteil an einem erfüllenderem Leben haben können.

Ja, äußerlich gesehen ist ein Einsatz wie ich ihn hier mache nicht einmal der Rede wert. Doch wenn solch eine Arbeit auch unsere eigene Fähigkeit zur Selbstlosigkeit, Wahrhaftigkeit und Liebe kräftigt, dann ist solch eine Arbeit eine ganz besondere Chance, und bekommt dadurch auch einen besonderen Wert. Daher geht es mir im Austausch mit Menschen nicht einfach darum, dass sie vielleicht eine Spende geben könnten, sondern, dass auch sie durch ihr Mitmachen selber mitwachsen können. Ja, ich denke die Zeit wird immer wie dringlicher, um aufzustehen und kühn Profil zu zeigen. Unsere globalen Warnsirenen signalisieren schon seit längerer Zeit, dass ein Umdenken nicht nur wichtig, sondern überlebenswichtig ist. Nicht nur im Sinne des Klimawandels, sonder eben auch wirtschaftlich, politisch und human!

Was denken Sie?