5. Juli 2007

Indienbericht 2

Wie ich in meinem letzten Brief schon beschrieben habe, kommen die meisten Menschen, die wir irgendwo an einem Strassengraben oder unter einer verdreckten Brücke finden, aus den verarmten und ländlichen Gebieten Indiens. Natürlich sind die Gründe dieser Völkernot sehr vielschichtig und nicht immer einfach durchschaubar. Doch je mehr wir die dahinter liegenden Zusammenhänge erkennen, desto offensichtlicher wird es, wie vor allem die reichen Großstädte mit ihrer listigen Wirtschaftspolitik die Güterpreise ganzer Regionen mit Niedrigstlöhnen drücken, und ganze Provinzen in die Schuldenfalle treiben. Manchmal so sehr, dass immer mehr Bauern und Handwerker vor lauter Verzweiflung Selbstmord begehen. (Selbst die Schweiz profitiert von dieser Billiglohn-Politik, denn auch sie bezieht über die Hälfte ihres gesamten Getreideverbrauches aus Indien – einem Land, in dem immerhin über 800 Millionen Menschen an Mangelernährung leiden!). In manchen Gebieten ist die Lage so prekär, dass ganze Dörfer bankrott gehen und zum Ausverkauf ausgeschrieben werden, samt allen Häusern, Gerätschaften und Vieh! Was bleibt dann den Familien anderes übrig als genau in diejenige Städten zu flüchten, die eigentlich für ihre Misere mitverantwortlich sind.

So kommt es, dass ganze Familien irgendwo unter einer Brücke einer Großstadt ihre zwei löchrigen Decken ausbreiten, um von dort aus, auf „Arbeitssuche“ zu gehen. Doch da geht die Ausbeutung mit „Billigstlöhnen“ erst recht los; wo dann in einer Hinterhoffabrik, oder als Schlepper auf einem Markt, bis zum Umfallen geschuftet wird, und ein ganzes Heer von Kinderarbeit herhalten muss. Stell dir das einmal vor: Eine ohnehin geschwächte Familie strandet irgendwo in einer Großstadt um dort noch vollends ausgebeutet zu werden. Bis eben das eine oder andere Familienmitglied krank, ja oft schwer krank wird. Und gerade solchen verzweifelten Familien begegnen wir, wenn wir mit unserer Ambulanz auf Patrouillenfahrt sind, und stehen dann vor ziemlich schwierigen Entscheidungen…

Was machen? Nur den kranken Vater oder das schwerkranke Kind mitnehmen, und den Zusammenhalt der Familie riskieren, oder eben die ganze Familie einladen? Ja, was tun?! Denn unsere 2 Hektare kleines Hilfscamp ist ohnehin schon mit Patienten überfüllt. Deshalb müssen wir manchmal auch etwas radikal Patienten entlassen. Denn wer wieder einigermaßen auf den eigenen Beinen stehen kann, muss eben Platz für neue Notfälle machen. Doch solche Menschen wieder in den urbanen Dschungel zurückzuschicken, kann und darf nicht die Lösung sein. Und gerade da kam mir die schon im letzten Brief erwähnte Idee, wie die ganze Situation hier anders angegangen werden könnte:

Unser Hilfscamp liegt etwa 30 km außerhalb von Delhi. Nahe genug der Stadt, um vor Ort, auf der Strasse oder in den Hospitälern, aktiv zu sein, und weit genug, um einen einigermaßen günstigen Bodenpreis zu bezahlen, und den Patienten ein erholsames Umfeld zur Regeneration bieten zu können. Doch was wäre, wenn wir noch weiter von der Stadt entfernt, ein um ein vielleicht 15faches günstigeres und somit größeres Stück Land erwerben könnten, und anstelle der bisherigen 2 Hektare, ca. 30 Hektare haben würden! Dann könnten wir nicht nur mehr Patienten aufnehmen, sondern einfach gleich mit ihnen ein neues Dorf gründen!

Weshalb auch nicht? Ein ganzes Hilfsdorf, in dem die verschiedenen Patienten in die für ein Dorf natürlichen Arbeitsvorgänge einbezogen werden, und ihren Einsatz gleich auch selbst behalten können, indem sie Beispielsweise ihr eigenes Häuschen bauen, und ihr eigenes Handwerk ausführen können. Dies würde nicht nur die Motivation sondern auch den ganzen Rehabilitierungs- und Genesungsprozess fördern, und gleichzeitig, durch die dadurch entstehende Selbsttragende Dynamik, für das Gesamtprojekt von großem Nutzen sein.

Ja, ich bin überzeugt dass die Kombination aus Fleiß, Bescheidenheit und Fairness ziemlich schnell kleine Wunder hervorbringen wird. Besonders wenn in solch einem Dorf auch noch die Möglichkeiten des ökologischen Anbaus, der Alternativenergie, Medizin etc. in einem ganzheitlichen Management mit einbezogen werden. Daraus kann ein sehr gelungener Mix aus Lebens- und Hilfsgemeinschaft entstehen, der einen durchaus sympathischen Charakter haben wird, und als interessantes Gegenmodel zur modernen, offensichtlich immer mehr kränkelnden Gesellschaft wirken könnte.

Die Idee wäre auch, dass wir unsere jetzige Camp-Klinik in eine kleine, etwa 20 Betten starke Notfallklinik umwandeln und nach Delhi auslagern würden, um dort, vor Ort, 24 Stunden präsent sein können. Dann würde uns nicht nur die täglichen, bis zu 2 Stunden dauernden Fahrten nach Delhi erspart bleiben, sondern auch unsere Arbeit mit den Hospitälern erleichtert werden. Eine Notfallklinik inmitten der Armenviertel würde sich auch schnell Rumsprechen, so dass Patienten nicht erst dann behandelt werden wenn es schon fast zu spät ist. All 1-2 Wochen könnten wir dann die schon weniger Lebensgefährdeten mit einer Sammelfahrt ins etwa 150 km entfernte neue Dorf bringen, wo sie dann weiter genesen könnten. Nicht nur physisch, sondern eben auch ganzheitlich – sowohl psychisch, wirtschaftlich als auch sozial.

Mit anderen Worten: stelle dir einmal solch eine sympathische Dorfszene förmlich vor; mit kleinen Parkanlagen in denen sich so einige Rollstuhlpatienten bewegen, mit einer einfachen Dorfklinik vor der die Ambulanz parkiert ist, mit kleinen Shops wo die einfachen Alltagsgegenstände gekauft werden können, mit einer eigenen kleinen Dorf-Bank in der jeder seine Mikro-Kredite erhalten und sein Geld hinterlegen kann, mit ein paar einfachen Windmühlen welche ein ebenso einfaches 12Volt Netz betreiben, mit einem kleinen Altersheim, mit verschiedenen Handwerken, wie zum Beispiel einer Töpferei, Weberei, Bäckerei, einem Gemüsemarkt, einer Schreinerei, etc., und mit einigen Feldern ums Dorf herum, welche von den vielen Farmern, die wir jetzt schon haben, bearbeitet werden.

Manpower hätten wir eigentlich genug, denn wir sind jetzt schon fast 200 Menschen. Alles was bis jetzt fehlt sind in paar zusätzliche Mitstreiter, etwas Startgeld und ein entsprechend gutes Stück Land, wo sich diese Power auch in etwas Nachhaltigem manifestieren kann. So könnten die entwurzelten Menschen wieder in ihr natürliches Element zurückgebracht werden.

Und wer weiß, ob nicht auch wir ein Stück weit von unserer Ursprünglichkeit verloren haben, und ob auch wir nicht vielleicht schon bald wieder in diese Richtung gehen müssen. Denn auch wir, rutschen auf immer dünnerem existenziellem Eis umher und leiden eigentlich schon lange an unserer denaturierten Weltlage. Warum also nicht auch weitere Schritte in diese Richtung gehen und sich vermehrt mit diesen Themen auseinander setzten? Wir könnten gewissermaßen anhand solch eines Models warm werden, um dadurch auch, in uns selber, diejenigen psychologischen Hürden zu meistern, die uns oft noch vor wirklicher Veränderung abschrecken lassen.

Hast du Ideen, Vorschläge, Fragen? Ja, lass uns zusammen in diese Richtung aktiv werden. Vieles kann gemacht werden: Infomaterial gesammelt, Pläne geschmiedet, Rundbriefe verfasst, Artikel geschrieben, Websites und Bilder entworfen, Kurzfilme gedreht, Nachforschungen gemacht, Veranstaltungen lanciert, Gelder gesammelt, ....... um nicht zuletzt auch dabei selber Mitzuwachsen, ja aus sich selber herauszuwachsen, und aktiv, gegen den schleichenden Wahn unserer Zeit, einen kleinen Streich zu spielen ......... ja, warum auch nicht?

Magst du mitmachen?

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