14 Millionen Einwohner leben zur Zeit in Delhi, und täglich kommen zehntausende Neue hinzu. Die meisten von ihnen stammen aus den sehr verarmten, ländlichen Gebieten Indiens, wo sie als Bauern, Handarbeiter oder im Dienstleistungssektor für ein kärgliches Geld hart gearbeitet haben. Bis eines Tages irgend eine Krankheit, oder der erhöhte Ölpreis oder eine besonders schlechte Ernte ihr ohnehin karges Einkommen zum Umkippen brachte, und das notwendige Geld für das Überleben der Familie plötzlich nicht mehr aufgebracht werden konnte. Keine Krankenkasse oder Altersfürsorge, noch das Sozialamt oder Altersheim, hilft da aus. Schlicht und einfach weil es dies alles wegen der zu großen und allgemeinen Armut gar nicht gibt. Daher können wir uns solche Notlagen kaum vorstellen, und begreifen oft nicht, dass diese Menschen tatsächlich Hilfe brauchen, -- ja, manchmal sogar unsere Hilfe.Menschen in großer Not sind wir alle schon begegnet, denn die gibt es ja überall. Natürlich, auf den ersten Blick ist es oft schwierig einzuschätzen, ob oder wie nun geholfen werden soll. Doch je mehr wir uns mit den Hintergründen und der Geschichte der Not unserer Mitmenschen auseinandersetzen, desto klarere Antworten werden wir auch in unseren Herzen finden. Und dies ist eben gerade das wunderbare am Helfen: es gibt uns eine besondere Gelegenheit unsere eigenen Herzen auf ein Neues zu durchforschen...
So kommt es, dass fast allen Menschen, die wir auf Patrouillenfahrt durch Delhis Armenviertel finden, eine leidvolle Geschichte vorangeht. Ja, dass der Moment in dem wir sie irgendwo auf einem Gehsteig oder unter einer verdreckten Brücke auflesen, ihr „Höhepunkt“ einer langen Geschichte von Krankheit, Leid, Einsamkeit und Verzweiflung ist. Oft finden wir Menschen die dieser Bezeichnung „Mensch“ kaum noch entsprechen. Vor lauter Schmerzen in einen halbbewussten Dauerzustand entrückt, oder aus lauter Verzweiflung einfach verrückt geworden; oder eben beides zusammen, inklusive ziemlich argen und unbehandelten Wunden und Infektionen......Ich schreibe diese krassen Beschreibungen nicht aus Sensationslust, sondern schlicht und einfach weil es die Wahrheit ist. Die große Frage hier ist nun: Was machen?... einfach wegschauen, und möglichst für den eigenen Komfort und das eigene Wohlbefinden Sorge tragen; oder sich auch für andere Menschen in Not einsetzen? Eine Frage, die auch ich mir täglich immer wieder stellen muss. Den zwischen einem Leben des puren Selbstzweckes und einem Leben im Sinne der vollkommenen Nächstenliebe, gibt es viele Zwischenstufen, die auch immer wieder auf ein Neues geprüft werden möchten — um tatsächlich einen inneren Prozess, des aus sich Herauswachsens, erfahren zu können.
Und da stehen wir nun, vor einem am Boden liegenden, verzweifelten und kranken Menschen. Rund die Hälfte der Menschen die wir finden haben Tuberkulose. TB ist eine hoch ansteckende Krankheit die aufgrund eines geschwächten Immunsystems ausbricht. Sie wütet besonders unter den ärmsten der Armen, da diese wegen chronischer Mangelernährung oft ein zu schwaches Immunsystem haben. TB ist ein hartnäckiger Virus der viele Organe, besonders die Lungen, befallen kann. Monatelanges Fieber, Schmerzen und Appetitlosigkeit tun ihr übriges hinzu um den Körper total auszumergeln. So finden wir fast täglich erwachsene Menschen mit weniger als 30 Kilo (Man stelle sich das einmal vor!). Manchmal kommt jede Hilfe zu spät und sie sterben noch auf dem Weg ins Krankenhaus. Andere Male besteht Hoffnung und wir bringen sie in unsere 30 km von Delhi entfernte Rehabilitationsstation.
Zur unserer täglichen Arbeit gehört auch die Koordination, Pflege und Betreuung all dieser Menschen. Genauso all die Fahrten ins nächstliegenden Dorf, um Medikamente und Material zur Wundbehandlung zu kaufen, und Röntgenaufnahmen und Bluttests zu machen. Fast täglich müssen die schwereren Fälle in die überfüllten Hospitäler von Delhi bringen, um dort, an vielen Warteschlangen vorbei, die Hilfe der Spezialisten zu erhalten. Auf dem Rückweg dann wieder eine Patrouillenfahrt durch die Slums Delhis, um wieder neue Patienten aufzulesen….Das schwierigste an der ganzen Arbeit ist, dass wir nur 5 Personen sind die all dies zu machen haben. Natürlich haben wir auch ein paar Ex-Patienten, die mit allerlei einfachen Arbeiten kräftig aushelfen. Doch meist sind dies sehr einfache Menschen die von Arbeitsstrukturen und Tagesplänen kaum je etwas gehört haben. So gestaltet sich hier alles sehr spontan, ja, manchmal zu spontan. Dadurch geschehen auch fatale Fehler die eigentlich vermieden werden könnten – wenn wir mehr Personal und Mittel zur Verfügung hätten. Und gerade da inmitten dieser fast aussichtslosen Situation, ist mir eine Idee, oder besser gesagt ein interessanter Plan eingefallen, wie das Ganze hier ganz anders und effektiver angegangen werden könnte….!
Du bist natürlich auch herzlich Eingeladen, mir deine eigenen Anregungen oder Fragen mitzuteilen. Ja, ich bin mir sicher, dass wir in vieler Hinsicht gemeinsam etwas erlangen können, was für alle Beteiligte von Interesse sein könnte. Doch wie schon gesagt, weiteres im nächsten Schreiben — wenn du magst.
